Eine ehemalige KV-Lernende schickte uns nachfolgenden Erfahrungsbericht.

Ich machte eine Lehre zur Kauffrau, E-Profil. Zu Beginn hat mir mein Lehrbetrieb sehr gut gefallen. Die Arbeit war interessant und meine Mitarbeiter_innen waren sehr nett. Schon anfangs kam es häufiger vor, dass ich dafür zuständig war, den Kühlschrank in der Mitarbeiter_innen-Küche aufzufüllen, die Abwaschmaschine auszuräumen, die Pflanzen zu giessen und das Sitzungszimmer zu reinigen. Im 1. Lehrjahr konnte ich das verstehen, da ich meine eigentlichen Aufgaben ja noch nicht so gut verstanden hatte, war ich sowieso noch nicht 100% einsatzbereit.

Leider wurde es aber von Jahr zu Jahr schlimmer, ich machte mittlerweile mehr „Haushalts-Arbeiten“ als KV-Arbeiten, das machte mir sehr zu schaffen. Was noch dazu kam war, dass ich ein sehr angespanntes Verhältnis zu meiner Lehrmeisterin hatte. Sie hatte selber keine Lehre gemacht, war Kanti-Abgängerin, deshalb hatte ich oft das Gefühl, sie verstehe mich nicht. Immer wenn ich eine Arbeit ablieferte, die gut war, sagte sie nichts. Wenn ich aber irgendwo einen Fehler machte, musste ich zu ihr ins Büro, sie hat die Türe geschlossen und ich konnte mir einen halbstündigen Vortrag anhören. Ich habe mich sodann an den Chef gewendet, der direkt ein Gespräch mit mir, meiner Lehrmeisterin und meinen Eltern organisierte. Ich fand dies eine gute Idee. Jedoch hat sie im Gespräch dann immer behauptet, das stimme so nicht, wie ich es sage. Und bezeugen konnte es auch niemand, weil sie ja immer ihre Bürotür geschlossen hatte, dass niemand hörte, wenn sie mich kritisierte.

Der Höhepunkt kam dann im 2. Lehrjahr. Im KV muss man einmal im Jahr eine Prozessarbeit schreiben. Das ist ein ca. 20-30 blättriges Dokument, das einen Prozess aus unserer Lehre beschreiben sollte. Diese Arbeit wurde dann von meiner Lehrmeisterin und vom ÜK-Leiter benotet und der Durchschnitt kam Ende der Lehre ins Fähigkeitszeugnis. Ich habe mir mit der Arbeit grosse Mühe gegeben, habe sie vielen Leuten (unter anderem auch meinem Vater, der auch Lehrlingsausbildner für Kaufleute war) gezeigt zur Kontrolle. Von allen Seiten hörte ich, meine Arbeit wäre super und ich könne sie ohne schlechtes Gewissen abgeben. Das habe ich dann auch getan, vom ÜK Leiter habe ich für diese Arbeit die Note 5.2 bekommen, von meiner Lehrmeisterin eine 2.5. Ja, für die selbe Arbeit. Normalerweise hätte man dann noch 2 Wochen Zeit um mit der Lehrmeisterin das Gespräch zu suchen, bevor sie die Note online abgibt, meine Lehrmeisterin hat jedoch diese Zeit nicht abgewartet, weshalb ich keine Chance hatte, das noch zu ändern. Dank ihr zog mich das ein grosses Stück für meine zukünftige Vornote runter.

Nach diesem Vorfall folgten viele Gespräche mit dem Chef, meinen Eltern, auch dem Amt für Berufsbildung. Doch viel hat das Ganze nicht gebracht. Man sagte mir, ich solle abwarten oder sonst die Lehre abbrechen. Da ich während den Gesprächen mit dem Amt bereits im 2. Lehrjahr war, wollte ich die Lehre nicht mehr abbrechen, sondern es einfach durchziehen und so schnell wie möglich von dieser Firma weg. Als es dann um die Lehrabschlussprüfungen ging, war ich sehr im Stress. Ich gab alles, was mir möglich war, um diese Prüfungen zu bestehen. Im Büro gab man mir immer wieder solch unmotivierende Sätze zu hören wie „wenn du nicht bestehst, ist das im Fall auch nicht so schlimm“ oder „viele Lernende müssen die LAP 2 mal machen“. Ich wusste also, dass mein Lehrbetrieb nicht glaubte, dass ich bestehe. Und auch wenn ich schlussendlich „nur“ mit einer 4.6 abgeschlossen hatte, war ich glücklicher denn je, dass ich diese Lehre endlich hinter mich gebracht habe!